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S!|art: die raucher als geschlossene gesellschaft - oder: waldlichtung

Mittwoch, 25. April 2018

ELEANOR & COLETTE - ein Psychiatriefilm

ich möchte heute auf das anlaufen eines films am 03.05.2018 - wohl hauptsächlich in den einschlägigen programmkinos - hinweisen:

Eleanor & Colette (Originaltitel 55 Steps) ist eine belgisch-deutsche Filmbiografie von Bille August, die im September 2017 im Rahmen des Toronto International Film Festivals ihre Weltpremiere feierte und am 3. Mai 2018 in die deutschen Kinos kommen soll.

Im Film tut sich die unter einer chronischen paranoiden Schizophrenie leidende Eleanor Riese mit der Patientenrechtsanwältin Colette Hughes zusammen, um ein Mitspracherecht bei der Medikation von Patienten mit psychischen Krankheiten durchzusetzen.


click dazu auch hier



Ein ttt-Beitrag dazu wurde ebenfalls gesendet (click here)


Da der Film in Köln mitproduziert wurde, gibt es den folgenden Beitrag inh der "westart" dazu: 


San Francisco in Köln am Rhein? Die Filmfirma Elsani macht's möglich. Chefin Anita Elsani hat die Produktion von "Eleanor & Colette" mit Hilfe der Film- und Medienstiftung NRW in die Domstadt geholt. Gedreht wurde in den MMC Studios und an verschiedenen Orten im Rheinland. Autor/-in: Christof Boy
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ich bin gespannt auf diesen film: er ist ja vielleicht in etwa die fiktive fortsetzung der geschichte meiner tante erna kronshage - wenn sie eben noch nicht 1944 in der vernichtungsanstalt tiegenhof in gniezno im besetzten polen von den akteuren der nazi-psychiatrie umgebracht worden wäre. 

ich stelle mir wenigstens vor: erna hätte sicherlich auch gekämpft, wenn man ihr nicht medikamentös und physisch den eigenen willen gebrochen hätte. 

sie bzw. ihr bis zu ihrem 21. geburtstag sorgeberechtigter vater hätte sicherlich unter anderen politischen umständen auch geklagt gegen die bei ihr ausgelösten krampfanfall-serien mit dem synthetischen kampfer-mittel "cardiazol" und den damals üblichen barbiturat-überdosierungen, die sie zur ruhigstellung und angeblich zum "spannungsabbau" - in wirklichkeit aber eher aus disziplinarischen gründen - über sich hat ergehen lassen müssen.

als beispielsweise die drei sonoren herren richter und "sachverständigen" des mobilen ns-erbgesundheitsgerichtes bielefeld die gerade 20-jährige in gesellschaftlichen konventionen ungeübte landwirtschaftliche haustochter erna kronshage am 29.03.1943 - also vor 75 jahren - ganz mutterseelenallein ohne beistand und fürsprecher - in vielleicht dem hohen großen holzvertäfelten raum im verwaltungs-hauptgebäude in der provinzialheilanstalt gütersloh befragen, um über ihre bevorstehende sterilisation nach dem "ns-gesetz zur verhütung erbkranken nachwuchses" zu befinden und zu entscheiden - wird ihre verstörte und verzweifelt unsichere reaktion auf diese makabere szenerie, die sich in einem „unmotivierten auflachen“ bahn bricht - von ihr auf entsprechendes befragen bitter kommentiert mit: „mein lachen ist weinen“...

und diese an sich ja tiefgründige antwort auf ein in dieser situation durchaus verständliches paradoxes verhalten wird von den drei akademisch gebildeten herren (ein amtsarzt bzw. zwei medizinalräte und ein amtsgerichtsrat) mit als indiz für eine bei ihr angeblich vorliegenden "schizophrenie" gewertet...

aber erna lacht ja, um nicht losheulen zu müssen, weil sie sich ihrer tränen vor diesen wahrscheinlich zigarre rauchenden und bohnenkaffee trinkenden herumschwadronierenden männern schämen würde – denen sie da in dieser heiklen und existenziell intimen und im wahrsten sinne des wortes einschneidenden frage ausgeliefert ist...

ernas zwangssterilisation wurde schließlich tatsächlich entgegen dem willen des um das wohl seiner tochter vehement mit eingaben und widersprüchen kämpfenden vaters in 2. instanz vom "erbgesundheits-obergericht" in hamm angeordnet - und am 4. august 1943 im krankenhaus gütersloh durchgeführt - mit der angekreuzten bemerkung: "die wunde heilte in 7 tagen"...

und doch: erst in den 80er jahren wurden den psychiatrisch erkrankten menschen auch in behandlungssituationen persönliche grundrechte zugestanden ... - in den usa und dann auch in der westlichen hemisphäre insgesamt - also das lag (und liegt vereinzelt) immer noch weltweit im argen ... - S!



NEU/NEW - https://erna-abstract.blogspot.de/: an english short|blog

CLICK HERE


für internationale studien zum opfer-schicksal meiner tante erna kronshage, die 1944 in einer "nazi-tötungsklinik" umgbracht wurde, habe ich hiermit einen ersten kurz-überblick in vermeintlich englischer sprache (automatisch übersetzt mit translator) als blog ins netz gestellt. per links kann man hier auch bei interesse zu den multimedialen info-seiten weiterclicken.
for international studies on the fate of my aunt erna kronshage, who was killed in a "nazi death clinic" in 1944, i have put a first short overview in supposed english language (automatically translated with translator) as a blog on the net. you can also click here for more information on the multimedia pages.

Dienstag, 24. April 2018

einen migrationshintergrund haben wir alle

MULTIKULTURELLE GESELLSCHAFT

„Wir alle sind einmal der andere gewesen“

Die US-Ahnenforscherin Jennifer Mendelsohn entlarvt einwanderungsfeindliche Politiker, indem sie ihnen die eigene Familiengeschichte unter die Nase reibt. Denn der Stammbaum verrät, was viele vergessen wollen.

Hannes Stein | WELT

Hashtag #resistancegenealogy: Jennifer Mendelsohn twittert zur Ahnenforschung

Jennifer Mendelsohn ist eine freiberufliche Journalistin, die in Baltimore lebt. Bis gerade eben kannte ihren Namen kein Mensch. Aber dann fing sie, in ihrer Küche und in Hausschuhen, an, über Ahnenforschung zu twittern – mit dem Hashtag #resistancegenealogy. Damit nahm sie in Amerika jene Politiker aufs Korn, die sich gegen Einwanderer aussprachen: Sie entlarvte sie als Heuchler.

WELT: Wie kam es zu Ihren Tweets?

Jennifer Mendelsohn: Ich interessiere mich schon seit Jahren intensiv für Ahnenforschung. Alle meine Großeltern waren osteuropäische Juden, und während ich meinen Familienstammbaum untersuchte, stieß ich – was unausweichlich war – auf Themen wie jenes, dass Leute versuchten, als Flüchtlinge anerkannt zu werden, oder verzweifelt versuchten, in die Vereinigten Staaten zu gelangen. Mit der Zeit wurde mir klar, dass die historische Forschung über meine Familie Bedeutung für die heutige Situation hatte, vor allem, als der Einreisestopp gegen Muslime beschlossen wurde. Also verwendete ich Geschichten aus meiner eigenen Familie, um ein Licht auf den Einreisestopp gegen Muslime zu werfen. Als dann die Rhetorik der Regierung Trump immer aggressiver gegen Einwanderer wurde, dämmerte mir eines Tages, dass es sehr wenige Amerikaner gibt, die ihre Geschichte nicht auf Einwanderer zurückverfolgen können.

WELT: Eigentlich nur die Ureinwohner Amerikas.

Mendelsohn: Die Ureinwohner Amerikas und die meisten Afroamerikaner, deren Vorfahren gegen ihren Willen als Sklaven hierher verschleppt wurden. Die meisten anderen können ihre Familiengeschichte bis zu irgendeinem Schiff zurückverfolgen – die Frage ist nur, wann dieses Schiff angekommen ist. Wirklich angefangen habe ich mit dem Tweeten, als Steve King, der republikanische Kongressabgeordnete aus Iowa, im letzten Januar sagte, wir könnten unsere Zivilisation nicht mit den Babys anderer Leute wiederherstellen. Ich dachte: Wir waren alle irgendwann die Babys anderer Leute! Also beschloss ich, mir seinen Stammbaum anzuschauen.

WELT: Und was haben Sie gefunden?

Mendelsohn: Seine Großmutter kam 1894 als Kind aus Deutschland. Das heißt, sie war ganz buchstäblich eines von diesen Babys.

WELT: Ein sehr brenzliges Thema in Amerika ist im Moment die „Kettenmigration“, also der ungehinderte Zuzug von Familienmitgliedern.

Mendelsohn: Dan Scavino Jr., der im Weißen Haus für soziale Medien zuständig ist, hat gesagt: „Kettenmigration erwürgt Amerika.“ Nun ist „Kettenmigration“ nur ein böses Wort für eine ganz normale Sache, nämlich Familienzusammenführung. Sie gehört zu den Fundamenten unserer Einwanderungspolitik: Einwanderer und Besitzer von „Green Cards“ können ihre engsten Familienmitglieder mitbringen. Jeder, der überhaupt irgendetwas über die Geschichte der amerikanischen Einwanderung kennt, weiß auch, dass das der Geist war, in dem die überwältigende Mehrheit der Einwanderer nach Amerika gekommen ist – und zwar lange, bevor es gesetzlich verankert wurde. Irgendjemand kam hier an, sparte Geld und brachte dann den Rest der Familie über den großen Teich: einen nach dem anderen.

Ich habe mir also den Stammbaum der Familie Scavino angeschaut. Dabei stellte sich heraus, dass Dan Scavino Jr., der so sehr gegen „Kettenmigration“ wettert, selber das Resultat einer „Kettenmigration“ ist. Sein Urgroßvater war ein Einwanderer; er war das dritte von fünf Geschwistern, von denen jeder in einer Kette herüberkam, also die Schiffspassage für das nächste Familienmitglied bezahlte, das herüber wollte, und als dessen Kontaktperson aufgeführt wurde.

WELT: Können Sie mir erklären, warum eine Nation wie die Vereinigten Staaten, die von Einwanderern gegründet wurde und in deren Gründungsdokumenten von dem „Recht auf Leben, Freiheit und dem Streben nach Glück“ für jedermann die Rede ist, in unregelmäßigen Abständen durch fiebrige Anfälle von Fremdenhass geschüttelt wird?

Mendelsohn: Das müssen größere Geister als ich beantworten. Ich kann Ihnen nur sagen, dass Benjamin Franklin schon 1751 schrieb, er fürchte, die Deutschen in Pennsylvania könnten nie assimiliert werden und dass sie eher versuchen würde, uns zu Deutschen zu machen, als dass es uns gelingen würde, sie zu amerikanisieren. Und dass sie nie und nimmer Englisch lernen würden. Klar ist, dass Furcht vor dem Fremden eine Rolle spielt – hinzu kommt leider Rassismus, da die gegenwärtige Welle von Immigranten dunklere Haut hat als frühere Einwanderer.

Andererseits gibt es da die Geschichte meiner Großmutter. Sie ist die einzige gebürtige Amerikanerin: Ihre Wiege stand 1906 in New York. Und ihre Schwestern wollten nicht, dass sie meinen Großvater heiratet. Warum? Nun, weil er ein Einwanderer war. Ich wurde neugierig und forschte nach und stellte fest, dass eine jener Schwestern 1895 in New York geboren worden war. Ihre Mutter aber war 1891 angekommen, also nur vier Jahre früher – aus der heutigen Ukraine. Es gibt, scheint’s, ein Anspruchsdenken, das sich blitzschnell entwickelt. Man bekommt die amerikanische Staatsbürgerschaft, also ist man Amerikaner, und plötzlich sind die anderen nicht mehr gut genug, um Amerikaner zu sein.

WELT: Das ist ja wie im Zugabteil! Der Erste, der dort sitzt, fühlt, dass ihm das Abteil ganz allein gehört. Wenn der Nächste zusteigt, funkelt er ihn giftig an. Aber wenn an der Haltestelle danach ein dritter Fahrgast die Abteiltür öffnet, sind die ersten beiden schon Alteingesessene. Darum verteidigen sie nun gemeinsam ihr Territorium mit bösen Blicken. Wahrscheinlich ist das Ganze genetisch veranlagt.

Mendelsohn: Ich weiß nicht. Wahrscheinlich fühlen Leute sich besser, wenn sie auf andere herabschauen können. Jedenfalls gibt es Millionen von amerikanischen Karikaturen, die sich gegen Einwanderer richten. Dan Scavino Jr. sollte sich mal anschauen, wie früher über Amerikaner italienischer Abstammung geredet wurde. Wir alle sind irgendeinmal „der Andere“ gewesen.

WELT: Wenn Sie Jüdin osteuropäischer Abstammung sind, haben Sie Familienmitglieder im Holocaust verloren.

Mendelsohn: Der tiefste Verlust für meine Familie war der Bruder meines Großvaters und seine gesamte Familie. Mein Großvater war eines von sieben Geschwistern. Sie alle kamen zusammen mit ihrer Mutter nach Amerika, aber dem ältesten Bruder, der 1913 für ein Jahr in die Vereinigten Staaten kam, gefiel es in New York nicht, also fuhr er zurück. Wir haben eine Folge von zunehmend verzweifelten Briefen, die er 1939 aus dem von den Nazis besetzten Polen schrieb und in denen er seine Familie in New York anflehte, ihm zur Flucht zu verhelfen – später flehte er, einer von seinen Töchtern zu helfen. Er sagte, er werde einen Brief an Präsident Roosevelt schreiben und ihm sagen, dass er Familie in Amerika habe und dass seine Eltern in Amerika begraben seien. Aber es half alles nichts. Er und seine Frau und ihre vier Töchter wurden ermordet.

Diese Geschichte kannte ich, als ich aufwuchs, weil mein Großvater sie mir erzählte, der durch diesen Verlust natürlich am Boden zerstört war; sie hing wie ein Schatten über meiner Familie. Doch als ich anfing, Ahnenforschung zu betreiben, fand ich mehr als fünfzig Mitglieder meiner weiteren Familie, die ermordet wurden, darunter Cousins ersten, zweiten und dritten Grades meines Großvaters väterlicherseits. Ganze Zweige meines Stammbaumes wurden dezimiert. Ich hatte außerdem das Glück, die Großmutter meines Mannes kennenzulernen. Sie war eine Überlebende des Holocaust. Sie starb im vergangenen Jahr. Ihre gesamte engere Familie wurde ermordet.

WELT: Wenn man in Amerika den Fernseher einschaltet, sieht man viele Firmen, die DNA-Tests anbieten, mit deren Hilfe man herausfinden kann, wo die Vorfahren herkommen. Was halten Sie davon?

Mendelsohn: Ich finde es großartig. Ich habe DNA-Tests mit großem Gewinn benutzt, um meinen eigenen Stammbaum zu erforschen; sie sind ein wunderbares neues Instrument im Werkzeugkasten des Ahnenforschers.

DIE WELT edition © Axel Springer SE. Alle Rechte vorbehalten

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nichts ist so beständig wie der wandel - lautet eine doch so paradox klingende binsenwahrheit - und nichts ist so migrationsmäßig vielgliedrig durchzogen wie der ahnen-stammbaum der angeblich "alt-eingesessenen" ...

ja - selbst der name orbán ist sooo ur-magyarisch-ungarisch nicht - und der name ist im belgischen und lothringischen durchaus auch in alten zeiten anzutreffen: was war also zuerst? - huhn oder ein??? ...

ich glaube - ein "normaler" stammbaum strotzt nach so vielen großen kriegen mit fluchtaktionen von a über b nach c nur so vor familien-urahnen - allesamt mit migrationshintergrund ... - und meistens waren das schlichtweg neben der flucht vor der vernichtung besonders auch die flucht aus wirtschaftlichen gründen. gerade in den vielvölkerstaaten des balkan waren es ja nach dem 30-jährigen krieg und den türkenkriegen "staatlich" eingesetzte "menschenwerber", die sogar mit finanziellen mitteln für die einwanderung warben - und viele machten sich wegen der erbfolge bei nacht und nebel auf den weg ...-S!

wenn es denn der wahrheitsfindung über die 68er dient ...


»Der Rechtsstaat war in keinem guten Zustand«

Staatsrechtler Prof. Dr. Christoph Gusy über die Bedeutung der 68er-Bewegung für die Justiz

Die 68er-Bewegung hat Staat und Gesellschaft verändert. Auch Rechtsprechung und Justiz. Darüber hat Andreas Schnadwinkel mit dem Staatsrechtler Prof. Dr. Christoph Gusy von der Universität Bielefeld gesprochen.

Was bedeutet die 68er-Bewegung für den deutschen Rechtsstaat?

Christoph Gusy: Das ist wissenschaftlich bislang eher wenig erforscht. Die juristische Zeitgeschichte hat diese Zeit noch nicht so recht eingeholt. In der Geschichtswissenschaft gibt es eine breite Debatte darüber, ob 1968 überhaupt eigenständig größere Folgen hat oder eine größere Bewegung nur beschleunigt hat. Anders ausgedrückt: Die Folgen von 68 wären auch ohne 68 eingetreten, weil das dem Großtrend der Zeit entsprach. In gewisser Weise stehe ich dieser Position nahe. Ich bin der Auffassung, dass namentlich in Deutschland die 68er-Bewegung nur im Großtrend ihres Jahrzehnts richtig gedeutet werden kann. Hier hatte sie eine Verdichtung und Beschleunigung von Ereignissen und Strömungen zur Folge, die auch ohne diese Verdichtung und Beschleunigung bestanden und erkennbar waren. Das hätte ein bisschen länger gedauert, wäre aber sonst in eine ähnliche Richtung gegangen.

Haben Sie ein Beispiel aus juristischer Sicht?

Gusy: Aus heutiger Sicht würde man ja erwarten, dass wegen der vielen und auch der neuen Formen der Demons­trationen, die es damals gab, das Demonstrationsrecht verschärft worden wäre. Einfach deshalb, um die neuen Formen des Protests in den Griff zu bekommen. Kurioserweise war aber das Gegenteil der Fall. Heißt im Klartext: Der Gesetzgeber machte erst einmal eigentlich nichts. Nachdem die 68er-Bewegung abgeflaut war, versuchte man, eine gewisse Bereinigung rechtlicher Altlasten hinzubekommen. Man fing an, Amnestien zu erlassen für politische Delikte, die nicht mehr so verfolgbar schienen. Man fing an, das Strafrecht zu liberalisieren, wie man auch andere Dinge liberalisierte. Und im Versammlungsrecht entdeckte man eigentlich erst jetzt das Grundrecht der Versammlungsfreiheit. Die 68er hatten insofern einen gewissen Erfolg, als die von ihnen angestrebten Ziele zum Teil verwirklicht wurden. Die Liberalisierung betraf neben dem Strafrecht auch die Rechtsprechung. Von daher reagierte der Staat hier auf Druck nicht mit Gegendruck.

Waren die Notstandsgesetze ein Katalysator für die 68er-Bewegung?

Gusy: Ganz bestimmt. Die Notstandsdebatte war das spezifisch Deutsche an den 68er-Ereignissen. Die Strömung hatte ihr Zen­trum ja nicht in Deutschland, sondern in den USA und in Paris. Bei uns war 68 die ankommende Welle einer internationalen Strömung. Im Mittelpunkt standen die Bewältigung der Reste der nationalsozialistischen Vergangenheit und die Notstandsgesetze. Man stellte sich nämlich damals vor, dass die Notstandsgesetze nicht nur erlassen würden, sondern auch mal angewendet würden. Was in 50 Jahren danach aber nie der Fall war. Nicht mal zu dem Zeitpunkt, als der Staat einen Notstand hatte – während der Attentate und Entführungen der Roten Armee Fraktion, der RAF.

Und die 68er setzten die Notstandsgesetze mit Hitlers Ermächtigungsgesetzen gleich?

Gusy: Ja, in gewisser Weise schon. Die Notstandsgesetze waren eine Art Kulminationspunkt, vor allem in der öffentlichen Wahrnehmung. Man hatte in den Unterstützern der Notstandsgesetze Feindbilder, das waren damals die Innenpolitiker der CDU und CSU, welche schon länger Pläne für eine solche Gesetzgebung gehegt hatten. Auch die SPD stand als Regierungspartei der Großen Koalition in der Kritik, weil sie sich auf diese Gesetze eingelassen hatte.

Und die Anwendung der Notstandsgesetze gegen die 68er-Proteste stand nie zur Debatte?

Gusy: Doch. Der damalige Bundesinnenminister Paul Lücke schlug genau das vor und goss damit Öl ins Feuer. Das schweißte den Protest natürlich zusammen. Interessanterweise brach der Protest gegen die Notstandsgesetze nach deren Verabschiedung zusammen, da war die Luft raus. In Deutschland war 1968 der Protest gegen die Notstandsgesetze, durch die Notstandsgesetze bedingt und auf die Notstandsgesetze fokussiert.

Welche Angriffsflächen hat der deutsche Rechtsstaat noch 1968 geboten?

Gusy: Die allergrößten NS-Nachlässe waren 1968 schon beseitigt, die Beseitigung erfolgte in der ersten Hälfte der 60er Jahre. Beispielsweise wurden Anfang der 60er hochrangige Richter, die in der NS-Zeit amtiert hatten, reihenweise in den Ruhestand versetzt und damit aus der Schusslinie genommen. Dennoch gab es eine Reihe von gesellschaftlichen Praktiken und Vorschriften, die man mit dem Nationalsozialismus assoziieren konnte. So war das Strafgesetzbuch noch völlig unreformiert. Man durfte beispielsweise kein Zimmer an ein unverheiratetes Paar vermieten, und Homosexualität war noch strafbar. Auch im Familienrecht war die Gleichheit von Mann und Frau noch keineswegs so hergestellt, wie es eigentlich vom Grundgesetz vorgesehen war. Und das Grundgesetz war zu diesem Zeitpunkt immerhin 20 Jahre alt. Kurz gesagt: Der Rechtsstaat war 1968 durchaus noch in keinem guten Zustand und bot Angriffsflächen.

Gibt es dafür noch weitere Beispiele?

Gusy: 1966 erklärte das Bundesverfassungsgericht das so genannte Sammlungsgesetz für verfassungswidrig. Darin stand auch 1966 noch, dass Sammlungen nur zulässig seien für die Partei (d.h. die NSDAP) und deren Untergliederungen. Das war ein typisches Relikt, das stehen geblieben war. Es bestand also ein Reformstau, der zum Teil bis in die Weimarer Republik zurückreichte.


"Wenn's denn der Wahrheitsfindung dient" - Rudi Dutschke und Fritz Teufel | Foto Keystone|Tagesspiegel - coloriert


Haben sich seit oder durch 1968 in Rechtswissenschaften und praktischer Justiz entscheidungsrelevante Wertvorstellungen verändert?

Gusy: Ja, ganz eindeutig. Das erkennt man besonders auffällig daran, dass sich einer der stärksten Proteste gegen die Justiz richtete. Der Satz des Aktivisten Fritz Teufel »Wenn’s denn der Wahrheitsfindung dient« ist bis heute ein geflügeltes Wort. Damals ging es um die Frage, ob man aufstehen müsste, wenn der Richter den Gerichtssaal betritt. Plötzlich wurde die Sinnfrage gestellt. Und die Justiz hat in dieser Beziehung tatsächlich erhebliche Entwicklungen genommen. Das obrigkeitliche Gehabe wird entspannter gesehen, die Architektur der Gerichtssäle hat sich in Richtung Konferenzraum verändert. Entscheidend für die Veränderungen in der Justiz ist auch, dass der Rechtsapparat keine Männerdomäne mehr ist, wie er es damals war.

Sind die Urteile lascher geworden?

Gusy: 1968 war die Resozialisierung eines Straftäters ein neuer Ansatz. Bis dahin herrschten der Vergeltungs- und Präventionsgedanke vor. Und dass es mit der Resozialisierung auch heute noch nicht weit her ist, sehen wir daran, dass es in der Haft oft zu wenige Therapiemöglichkeiten gibt und die Rückfallquoten zum Teil hoch sind.

Der »Marsch durch die Institutionen« hat auch in den Justizapparat geführt. Ist 1968 verantwortlich für das, was heute »Kuscheljustiz« genannt wird?

Gusy: Resozialisierung bedeutet ja nicht »Kuscheljustiz«. Auch der resozialisierende Staat hat seine Freiheitsstrafen und seine Sicherungsverwahrung. Man kann sagen, dass die Justiz seit 68 sensibler geworden ist, was die Menschen und ihre Umwelt angeht. Seit dieser Entwicklung gilt die Empathie den Tätern, sofern sie selbst Opfer gesellschaftlicher Verhältnisse sind, und auch den Opfern, die bis dahin im Prozess kaum vorkamen.


WESTFALEN-BLATT, Nr. 95, 24.04.2018, S. 5
http://www.westfalen-blatt.de/Ueberregional/Die-68er

In der Geschichtswissenschaft gibt es eine breite Debatte darüber, ob 1968 überhaupt eigenständig größere Folgen hat oder eine größere Bewegung nur beschleunigt hat. Anders ausgedrückt: Die Folgen von 68 wären auch ohne 68 eingetreten, weil das dem Großtrend der Zeit entsprach. In gewisser Weise stehe ich dieser Position nahe. Ich bin der Auffassung, dass namentlich in Deutschland die 68er-Bewegung nur im Großtrend ihres Jahrzehnts richtig gedeutet werden kann. Hier hatte sie eine Verdichtung und Beschleunigung von Ereignissen und Strömungen zur Folge, die auch ohne diese Verdichtung und Beschleunigung bestanden und erkennbar waren. Das hätte ein bisschen länger gedauert, wäre aber sonst in eine ähnliche Richtung gegangen.
Da sind nun die Staatsrechtler und Historiker am Zuge, um über 50 Jahre Vergangenes ein Resümee zu ziehen - und es gelingt ihnen nicht, den Begriff "68er" eindeutig zu benennen und in seinem Umfang und seiner Bedeutung und Ausdehnung zu definieren und einzugrenzen. 

Für mich als bekennenden 68er umfasst der Begriff der "68er" alle Dynamiken, die europa- und sogar weltweit im "Großtrend der Zeit" (Christioph Gusy) im gesellschaftlich-kulturellen Bereich befeuert wurden. Diese Dynamiken bekamen dann umgangssprachlich und "volkstümlich" das Etikett "68er" kennzeichnend aufgepeppt.

Das war so ein "Ruck" der durch die nach Kriegsende noch immer verkrustete Welt ging - im Kleinen wie im Großen.

Man kann die "68er" nicht eingrenzen auf die tatsächlichen Geschehnisse Anno 1968 - und auch nicht auf die Handvoll krakeelender und protestierender Studenten des SDS in Berlin. Das waren nur die populären Marginalen in diesem "Ruck", den bereits der Bundespräsident Roman Herzog 30 Jahre später - 1997 - wieder für Deutschland herbeisehnte.

Es ist schon ein wenig wie die Quadratur des Kreises, dass alle Medien nach 50 Jahren die "68er" in den Fokus rücken, um den Begriff gewinnträchtig zu vermarkten, wo doch gleichzeitig "historisch" gestritten wird darüber, ob überhaupt und welche Bedeutung diesem "künstlichen konstruierten Begriff" nun zukommt ... - aber das ist ja Teil der Medienkampagne im Aschenputtel-Stil - je nach politischem Gusto und belieferter Klientel: "Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen" ...

Auf alle Fälle - es tat sich vor ca. 50 Jahren weltweit etwas, was man heute die "68er" nennt ...- die einen mit Stolz, die anderen voll Abscheu - und mit vielen, die sich nicht durchringen können und diese Epoche einfach verdrängen wollen ...

Und man kann sich durchaus da auf etwas verständigen, was die Zeilen in den Gazetten füllt und was auf dem wie auch immer gefärbten Sofa in den Talkshows um der flankierenden Werbeeinnahmen willen bekakelt wird ...

"68er" - da war doch was ... - S!

Montag, 23. April 2018

france sud

S!|art: nach diesem kurzen april-sommer ist es legitim, mal an urlaub zu denken ...



Samstag, 21. April 2018

liga ist liga

»Walser und Grass in die Seniorenliga versetzt«

Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Klaus-Michael Bogdal über Schriftsteller und die 68er-Bewegung

Hatte 1968 eine große Bedeutung für die deutschsprachige Literatur? Oder waren die Zeiten gar nicht so politisch, dass sich die Revolte auf dem Buchmarkt niederschlagen konnte? Darüber hat Andreas Schnadwinkel mit dem Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Klaus-Michael Bogdal von der Universität Bielefeld gesprochen.

1968 und die Literatur: Waren die Phasen vor und nach der Bewegung wichtiger als das Jahr selbst?

Klaus-Michael Bogdal: Ja, das kann man so sagen. In den 60er Jahren differenziert sich die Nachkriegsliteratur stark aus. Je nach Prägung und Strömung verhalten sich die Schriftsteller dann im Jahr 1968 recht unterschiedlich. Was vorher war, kann man also nicht abtrennen. Und was danach kam, ist von der allgegenwärtigen 68er-Revolte geprägt. Einige konservative Schriftsteller lehnen die Ideen der jungen Generation allerdings vehement ab. Die deutsche Literatur reagiert jedoch mehrheitlich neugierig auf die Bewegung oder nimmt an ihr teil. Nicht wenige Autoren und Autorinnen hatten sich schon vorher mit den Umbruchprozessen in der Gesellschaft beschäftigt und 1968 mit vorbereitet.



Was hatte mehr Einfluss auf die Literatur um 1968: Die US-amerikanischen Beatniks um William S. Borroughs oder die Gruppe 47 samt Hans Magnus Enzensberger?

Bogdal: Da nennen Sie zwei zentrale Kräfte, die sogar aneinander gerieten. Zum einen politisierten sich viele Mitglieder der Gruppe 47 zunehmend, zunächst im Gefolge des Auschwitz-Prozesses und wachsenden Auseinandersetzungen mit der braunen Vergangenheit der Führungseliten in Staat, Politik und Wirtschaft. Die Gruppe traf sich 1967 in Princeton im US-Bundesstaat New Jersey und stritt über die Haltung der Schriftsteller zum Vietnamkrieg, der ebenfalls zur Politisierung beitrug. Autoren wie Peter Weiss und Günter Grass positionieren sich dort unterschiedlich, was die Radikalität ihrer Kritik betraf. Zum zweiten war die Einebnung des Unterschieds zwischen Hochkultur und populärer Kultur nicht mehr zu übersehen, die in den USA ihren Anfang genommen hatte. Spektakulär und provokativ wirkte die Hinwendung von Künstlern zur Popkultur, die sich noch innerhalb der Hochkultur einen Namen gemacht hatten. Eine Schlüsselfigur war Rolf Dieter Brinkmann als Übermittler und Herausgeber der Literatur der amerikanischen Beat-Generation und als Autor von Werken wie dem »Godzilla« betitelten Gedichtband von 1968.

1968 hat der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger in seinem »Kursbuch Nr. 15« den »Tod der Literatur« proklamiert. War das nur Provokation oder mehr?

Bogdal: Das war eine typische dialektische Denkfigur des Adorno-Verehrers Enzensberger. Er registriert zutreffend den Bedeutungsverlust hochkultureller Literatur in vielen Bereichen. Gleichzeitig kann man aber nachlesen, dass er diesen Verlust an Bedeutung als Chance sieht, weil die Literatur damit von den hoch geschraubten Ansprüchen an sie entlastet würde. Enzensberger ist politischer Autor, aber er glaubt nicht mehr wie die bekannten Autoren der Gruppe 47, mit Romanen oder Gedichten gesellschaftliche Veränderungen bewirken zu können. Dafür sind 1968 seine politischen Vorstellungen zu radikal, als dass Literatur zu ihrer Verwirklichung etwas Entscheidendes beitragen könnte.

In den Bestseller-Listen von 1968 steht in der Belletristik Siegfried Lenz’ »Deutschstunde« hinter Simmel und bei den Sachbüchern Rudi Dutschke hinter Erich von Däniken. Haben sich politische Bücher 1968 gut verkauft?

Bogdal: Na ja, der absolute Bestseller des Jahres hat den symptomatischen Titel »Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung« des britischen Autors Eric Malpass. Das ist auch 68: sich der Revolte entziehen, Tradition bewahren, Risiken meiden. Aber es ist ebenso zutreffend, dass politische Bücher viel gelesen und von den Studenten geradezu verschlungen werden. Enzensbergers »Kursbuch« ist auch ein Verkaufserfolg.

Welche Autoren hat 1968 groß gemacht: Peter Handke und Elfriede Jelinek?

Bogdal: Zunächst einmal werden Großschriftsteller wie Martin Walser und Günter Grass in die Seniorenliga versetzt, auch wenn sie es sich nicht eingestehen wollen. Sie und andere wie Heinrich Böll, Max Frisch und Siegfried Lenz sind zwar weiterhin erfolgreich und genießen ein hohes Ansehen, aber als Leitfiguren der vielfältigen Veränderungen und der neuen sozialen Bewegungen, die nach 1968 einsetzen, spielen sie keine entscheidende Rolle mehr. Mehr als moralisches Gewissen in Streitfragen vom Terrorismus über Umweltprobleme bis zur Atomaufrüstung. Grass ist im Unterschied zu Enzensberger schon für die 68er als Sozialdemokrat der Mitte eher ein politischer Gegner als ein Stichwortgeber. Für die Generation von Schriftstellern, die in den 60ern und 70ern mit dem Schreiben beginnen, bedeutet die Krise der Nachkriegsliteratur eine Chance. Sie müssen nun konzeptionell und ästhetisch nicht mehr in den Fußstapfen der Gruppe 47 unterwegs sein. Sie können sich zum Beispiel wieder experimentell mit der Tradition avantgardistischer Literatur auseinandersetzen. Insofern öffnet 1968 gleich mehrere Türen: Peter Handke, Elfriede Jelinek, Hubert Fichte oder Rolf Dieter Brinkmann. Zur neuen Vielfalt gehört auch die Konkrete Poesie, für die Bielefeld über lange Jahre zu einem wichtigen Kommunikationsort wird.

Jede anständige Bewegung erzeugt eine Gegenbewegung. In der Literatur hat Marcel Reich-Ranicki das Anfang der 70er Jahre »Neue Subjektivität« genannt. Was versteht man darunter?

1968 und die Literatur: Bücher von Siegfried Lenz, Christa Wolf und anderen prägten den Zeitgeist der Protestgeneration. Foto: Gert Westdörp | NOZ


Bogdal: Peter Handke und andere verstehen darunter, dass sie bei ihrem Schreiben nicht mehr von der Analyse der gesellschaftlichen Macht- und Lebensverhältnisse ausgehen, sondern vorrangig danach fragen, wie die Individuen diese Verhältnisse subjektiv erleben: leidend oder glücklich. Man versucht, eine Sprache zu finden, mit deren Hilfe man die Innenwelt ausleuchtet, ohne sich dem Zwang zu unterwerfen, die Erfahrung wieder auf die gesellschaftliche Realität zurückzuspiegeln. Wenn Handke nachspürt, wie die Krankheit und der Tod seiner Mutter auf ihn wirken, dann ist das ein anderes Schreibkonzept als die Beschreibung von Schizophrenen inklusive der Forderung, alle psychiatrischen Kliniken zu schließen, die unsere Normalität auf Kosten des Ausschlusses der Kranken aufrechterhalten.

Heute verkaufen Autoren auch mit ihrer politischen Haltung Bücher. Ist das streng genommen noch Literatur?

Bogdal: Das hängt einzig von der Qualität der Texte ab. Man kann eine Sprache finden, die ästhetischen Ansprüchen genügt, und sich in dieser Sprache politisch positionieren. Das literarische Konzept des Realismus mit politischer Ausrichtung kann wie bei Uwe Timm durchaus zu bedeutender Literatur führen.



War Rolf Hochhuth ein Vorläufer der 68er?

Bogdal: Ja, thematisch und auch formal. Der authentische Wahrheitskern und die dokumentarische Präsentation sind die Stärke seiner Stücke. Diese Verbindung hat literarisch zu 1968 hingeführt.

Erleben wir durch die Flüchtlingskrise und das Aufkommen des Rechtspopulismus in Deutschland so etwas wie 1968, wenn politische Autorinnen wie die umstrittene Juli Zeh den Leuten in der Provinz den Puls fühlen?

Bogdal: Vielleicht. Solche Autoren können ja schreiben und nähern sich kritisch gesellschaftlich zen­tralen Themen. Die Erzählung muss nicht zwangsläufig in der Gegenwart oder der Zukunft spielen, wenn man an Daniel Kehlmanns »Tyll« oder Feridun Zaimoglus Martin-Luther-Roman »Evangelio« denkt. Diese Geschichten finden in der Vergangenheit statt und erzählen sehr beeindruckend über die heutige Zeit.

Wenn bei der Leipziger Buchmesse die Antifa gegen rechtsgerichtete Verlage protestiert, ist das ein Hauch von 68?

Bogdal: Durchaus, vor allem im Rückblick auf die Auseinandersetzungen bei den Frankfurter Buchmessen 1968 und 1969. Wenn junge Leute sich dort zeigen, wo Bücher gelesen werden, halte ich das generell für ein gutes Zeichen.



WESTFALEN-BLATT Nr. 93, 21./22.04.2018

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Ein Gedicht von Rolf Dieter Brinkmann

Zerstörte Landschaft mit
Konservendosen, die Hauseingänge
leer, was ist darin? Hier kam ich

mit dem Zug nachmittags an,
zwei Töpfe an der Reisetasche
festgebunden, Jetzt bin ich aus

den Träumen raus, die über eine
Kreuzung wehn. Und Staub,
zerstückelte Pavane, aus totem

Neon, Zeitungen und Schienen
dieser Tag, was krieg ich jetzt,
einen Tag älter, tiefer und tot?

Wer hat gesagt, dass sowas Leben
ist? Ich gehe in ein
anderes Blau.

Donnerstag, 19. April 2018

... und immer wieder - mit wachsender begeisterung: gomringers "avenidas"-gedicht - jetzt auch in bielefeld ...

Dr. Marcus Knauf und Prof. Dr. Helen Knauf aus Bielefeld lassen das Gedicht in Absprache mit seinem Schöpfer auf ihre Hauswand malen. Sie sehen das auch als ein Statement gegen die Einschränkung der Kunstfreiheit. Foto: Bernhard Pierel | WB

Werk angeblich »sexistisch«

Umstrittenes Gomringer-Gedicht jetzt auf Hausfassade in Bielefeld

Von Sabine Schulze | WB

Von der Wand der Berliner Alice-Salomon-Hochschule muss das Gedicht »Avenidas« des bolivianisch-schweizerischen Schriftstellers Eugen Gomringer verschwinden, weil es angeblich »sexistisch« ist. In Bielefeld ist es seit Mittwoch im öffentlichen Raum zu sehen.



Für Marcus und Helen Knauf, die das Gedicht an die Hausfassade anbringen lassen, ist »Avenidas« einfach nur schöne Poesie. Es seien acht Zeilen, die das Leben besingen. Für das Ehepaar Knauf ist die Argumentation der Hochschule nicht nachvollziehbar: »So ein Gedicht zu problematisieren, lenkt von den wahren Problemen ab«, sagt Prof. Dr. Helen Knauf. Für ihren Mann sei es auch ein Statement für die Freiheit der Kunst und Wissenschaft, es an die Wand des eigenen Hauses malen zu lassen.

»Es ist ein für den öffentlichen Raum schönes Gedicht, besonders geeignet, weil es so einfach ist.« Zeitlos sei es außerdem, denn die Stimmung, die Gomringer festgehalten habe, könne man auch heute noch nachvollziehen. »Und das macht gute und große Kunst aus.«

Das ungefähr ist die Stimmung auf den Ramblas von Barcelona, 1951/53, die Gomringer in dem Gedicht eingefangen und skizziert hat ... : Die Straße/Allee - die Blumen - die Frauen - und mich und dich - als Betrachter/Bewunderer dieser Szenerie hier im Bild - holt Gomringer mit in seine Textkomposition - einfsch genial ... S!|art






Gedicht als junger Mann verfasst

Gomringer, heute 93, hat das Gedicht als junger Mann verfasst: 1951 bummelte er durch Barcelona, nahm Alleen, Blumen und flanierende Frauen wahr. Sein Gefühl drückte er in Gedichtform aus. Das auf Spanisch verfasste Gedicht steht seit 2011 an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule. Es ist umstritten, seit vor zwei Jahren Studentenvertreter die Verse in einem offenen Brief als frauenfeindlich kritisierten.

Übersetzt auf Deutsch, heißt es in dem Gedicht:

alleen
alleen und blumen

blumen
blumen und frauen

alleen 
alleen und frauen

alleen und blumen und frauen und 
ein bewunderer

»Beim besten Willen ist aus dem Gedicht nichts Sexistisches oder Frauenfeindliches herauszuholen«, sagt der Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Wolfgang Braungart. Für ihn ist »Avenidas« so offen und zugänglich, dass es als öffentliche Kunst tauge. »Davon versteht Gomringer etwas.« Drei Stichworte, wiederholt und variiert, genügten, um einen Moment der plötzlichen Sinnfülle, eine aufblitzende erotische Spannung zu beschreiben, die im nächsten Augenblick vorüber ist.

»Eine Reverenz an Baudelaire, der städtische Szenerie prägnant ins Bild gesetzt hat«, sagt Braungart. Kein Verb verbindet die Sub­stantive. »Wer Schlimmes dabei denkt, ist der Ertappte.«

Bei dem Gedicht geht es um den letzten Satz: »Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer.« Nach einer langen und teils erbittert geführten öffentlichen Diskussion hatte das Hochschulparlament im Januar dieses Jahres beschlossen, das Gedicht bei einer Fassadenrenovierung im Herbst zu übermalen. Künftig soll alle fünf Jahre das Werk eines neuen Poetik-Preisträgers auf die Wand kommen.

Eugen Gomringer wird sein »Avenidas« unterdessen wohl bald in Bielefeld bewundern: Thomas Thiel, Geschäftsführer des Kunstvereins, hatte die Idee, ihn Ende Juni gemeinsam mit der literarischen Gesellschaft zu einer Lesung einzuladen. »Ich hoffe, dass er dann auch uns besuchen kommt«, sagt Marcus Knauf.

aus: WESTFALEN-BLATT, Nr. 91 | 19.04.2018 

Lesen Sie hier eine ultimative Rezension zu dem Lyrik-Streit ...

es hagelt jahrestage - heute: vor 75 jahren niederschlagung des ghetto-aufstandes in warschau


Der Massenmörder aus Detmold

Vor 75 Jahren: Am 19. April jährt sich der Jahrestag des Aufstandes im Warschauer Ghetto.

Die Niederschlagung hat der Ex-Katasteramtsgehilfe Jürgen Stroop befehligt. Zehntausende wurden getötet und deportiert

Von Sven Koch | NW

Es ist drei Uhr morgens am Montag, 19. April 1943, als die Deutschen anrücken. Zwei Bataillone der Waffen-SS umstellen das Warschauer Ghetto. Doch die 850 Soldaten werden von Partisanen beschossen, mit Brandbomben beworfen und müssen sich zurückziehen. Damit hatte niemand gerechnet.

In Berlin ist das Wetter an diesem Tag schlecht. Es passt zur Stimmung von Reichsführer-SS Heinrich Himmler, als er von den Vorfällen erfährt. Eigentlich hatte er Adolf Hitler am nächsten Tag zu dessen Geburtstag mitteilen wollen, dass Warschau "judenfrei" ist.

SS-Sturmbannführer: Stroop 1934. 
FOTO:Landesbibliothek Lippe (nachträglich coloriert)
Jetzt soll SS-Standartenführer Jürgen Stroop von der Division Totenkopf zeigen, was er kann, denn er führt das Kommando. Jürgen Stroop, der aus weltanschaulichen Gründen seinen Taufnamen Joseph geändert hat, ist Katasteramtsgehilfe und wohnt in Detmold in der Mühlenstraße an der "Herberge zur Heimat". Den diskriminierenden Umgang mit sozialen Randgruppen hat er früh gelernt: "Zu den Aufgaben seines Vaters gehörte die Überwachung der dort untergebrachten nichtsesshaften Wanderarbeiter", schildert die Detmolder Stadtarchivarin Bärbel Sunderbrink. In Zusammenarbeit mit Heike Fiedler vom Landesarchiv NRW hat sie die Ausstellung "Detmold und das Warschauer Ghetto" in Detmold konzipiert.

»Die Bedingungen im Ghetto waren unbeschreiblich«

Und Stroop funktioniert. Bis zum 16. Mai radiert er mit seiner Division das Ghetto aus, in dem sich jüdische Kampfgruppen formiert haben - junge Männer, die auf den Straßen täglich mit Elend und Entsetzen konfrontiert sind und nichts zu verlieren haben.

Pro Quadratkilometer leben 150.000 Menschen im Ghetto, pro Zimmer sieben bis acht Personen. Verhungernde und Erfrierende, darunter viele Kinder, gehören zum Straßenbild. "Auf das unerlaubte Verlassen stand die Todesstrafe. Die Lebensverhältnisse waren unbeschreiblich. In den Jahren 1941/42 starben im Ghetto 83.000 Menschen, zumeist an Erschöpfung, viele auch an Fleckfieber", schildert die Detmolder Archivarin. Am 22. Juli 1942 beginnen die Deportationen ins Vernichtungslager Treblinka, eigens für die Ermordung der Juden aus dem Warschauer Ghetto errichtet.

Keiner der Widerstandskämpfer will sich freiwillig auf die Schlachtbank führen lassen. "Der Warschauer Ghettoaufstand war die erste Massenrevolte von Juden im von Deutschland besetzten Europa. Tausende Ghettobewohner hielten die Deutschen in einem wochenlangen, vollkommen unerwarteten Kampf in Atem", schildert Bärbel Sunderbrink.

Stroop hat den Auftrag, das Ghetto zu räumen, von Himmler persönlich. Der Mann aus Detmold gilt als durchsetzungsstark. Begeisterter Soldat ist er schon lange. Sofort nach Kriegsbeginn im August 1914 hat er sich zum Militärdienst gemeldet, bekam Orden, aber für eine Offizierslaufbahn fehlte die höhere Schulbildung. 1918 muss er zurück zur lippischen Katasterverwaltung. 1932 tritt er in die NSDAP ein und wird nach der Machtübernahme Chef einer Hilfspolizei aus SA, SS und Stahlhelm, die unter anderem den Detmolder Journalisten Felix Fechenbach am 11. März 1933 verhaftet, der wenige Monate später im Wald zwischen Kleineberg und Scherfede erschossen wird. "Möglicherweise war Stroop an den Planungen des Mordes beteiligt", sagt Sunderbrink. "Dass er Mitwisser war, ist sehr wahrscheinlich."

In Warschau führt er eine ungleiche Schlacht und geht gnadenlos vor, mit Soldaten, Panzern und Flammenwerfen. Durch ein System von Bunkern und Kanälen versuchen viele zu entkommen. Am 16. Mai lässt Stroop die Synagoge sprengen - ein symbolträchtiges Ende. "Die Sprengung hatte Stroop eigenhändig durchgeführt", so Sunderbrink. Und er meldet stolz nach Berlin: "Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr!"

Abtransport ins Vernichtungslager: Akribisch hat SS-Führer Jürgen Stroop die Ereignisse bei der Niederschlagung des Warschauer Ghetto-Aufstands dokumentiert. Foto: Bundesarchiv/Stroop-Bericht (nachträglich coloriert)



Stroop hat seine Arbeit akribisch dokumentiert und in rund 50 Bildern fotografisch festhalten lassen. Das Foto, das einen Jungen mit erhobenen Händen zeigt, der sich den Deutschen ergibt, geht später um die Welt. Als "Juden und Banditen" bezeichnet er sie in seinem Rapport an Himmler, den er in zweifacher Ausfertigung herstellen lässt. Das andere geht an Adolf Hitler.

Stroops Erfolg wird honoriert und der Detmolder in den Rang eines höheren SS- und Polizeiführers für Warschau erhoben. Er geht nach Wiesbaden als SS- und Polizeiführer "Rhein-Westmark", wo er in Fliegermorde verwickelt wird: In der Endphase des Krieges sind es vor allem Polizei- und Parteifunktionäre, die abgeschossene oder notgelandete alliierte Flugzeugbesatzungen töten.

Am 8. Mai 1945 wird Jürgen Stroop von den Amerikanern festgenommen und im Zusammenhang mit den Fliegermorden am 21. März 1947 zum Tode verurteilt. Vollzogen wird das Urteil jedoch nicht, sondern Stroop wird nach Polen ausgeliefert. Sein akribischer Bericht wird ihm zum Verhängnis, anderen ebenfalls: Er gilt als einzigartiges Dokument der Vernichtungsmaschinerie und ist ein wichtiges Beweisstück bei den Nürnberger Prozessen. In Warschau wird Stroop am 23. Juli 1953 erneut zum Tode verurteilt. Seinem Gnadengesuch wird nicht entsprochen. Stroop wird am 6. März 1952 gehängt.

Während Stroop auf seine Hinrichtung wartet, muss er sich eine Zelle mit dem Offizier der national-polnischen Heimatarmee Kazimierz Moczarski teilen." Der Journalist dokumentiert Jahrzehnte später aus der Erinnerung seine "Gespräche mit dem Henker". Dokumentiert sind auch andere Gespräche, die Stroop mit Schalom Grajek, einem Mitglied einer jüdischen Kampforganisation, geführt hat. Er erzählt diesem von jüdischen Schulkameraden - 32 Menschen aus Detmold sind ins Ghetto deportiert worden. Er wird gefragt, was er getan hätte, wenn ihm einer im Ghetto wieder begegnet wäre. Und antwortet kühl: "Ich hätte ihn ganz einfach begrüßt, wenn er nicht zu den Kämpfern gehörte."

Auch in seinem Gnadengesuch bleibt er ohne jeglich Empathie - außer für sich selbst: Er habe nur bedingungslosen Gehorsam gegenüber den Vorgesetzten gekannt. "Mein ganzes Leben", erklärt der Detmolder Massenmörder, "galt dem Dienste meines Vaterlandes und dem Wohle meiner Frau und meiner Kinder."

Foto: rarehistoricalphots.com - nachträglich coloriert



Am 7. Dezember 1970 sinkt Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) am Ehrenmal für die Toten des Warschauer Ghettos auf die Knie. "Am Abgrund der deutschen Geschichte", sagt Brandt später, "und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt."

© 2018 Neue Westfälische
03 - Bielefeld Süd, Donnerstag 19. April 2018

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es hagelt dieser tage ja mal wieder jahrestage der erinnerungskultur um israel, den juden und den holocaust: vor 70 jahren: gründung des staates israel - vor 75 jahren: aufstand im warschauer ghetto - 

uns bleibt nur die pflicht, immer wieder an diese dinge eindringlich zu erinnern, die immer mehr zu verblassen drohen. da wird mitten in berlin ein israeli angegriffen, der sich eine kippa aufgesetzt hat, um die reaktionen dazu in berlin zu testen, der aber gar kein gläubiger jude ist ... - und er kam gar nicht weit, bis er von einem 19-jährigen araber angegriffen wurde und mit einem gürtel geschlagen wurde - wobei der angreifer immer wieder "yahudi/jude" rief ... - also einfach auf äußere attribute entsprechend reagierte ...

solche tätlichen übergriffe mehren sich in den letzten monaten - und auch mit dem zuzug arabischer flüchtlinge und der allgemeinen sittenverrohung gegenüber ausländern allgemein sowie vordergründig rechten und hier und da auch linken antiisraelischen umtrieben allerorten ...

wir haben hier in deutschland vielleicht zu rasch unsere moralische haftpflicht gegenüber israel und den juden in eine "normalität" setzen wollen, wie gegenüber bürgern und "gästen" anderer nichteuropäischer staaten auch - es gibt ja gottseidank aber erstaunlicherweise auch in der geschichte keine übergriffe gegenüber asiaten hinduistischen, buddhistischen oder konfuzianischen glaubens - und der dalai lama ist ein wohlgelittener gast hier allerorten.

die übergriffe von ein paar radikalen israelis gegenüber palästinensern im nachbarland - und überhaupt das ganze klein-klein und "auge-um-auge und zahn-um-zahn" dort zwischen palästinensern und israelis haben diese verpflichtungen und das verantwortungsbewusstsein gegenüber juden hier und israel und den juden dort schrumpfen lassen - wobei wir in den letzten jahren ja mühsam unsere offensichtlich gefühlten defizite gegenüber muslime haben versucht aufzuarbeiten und zu reglementieren ...

und doch: es gibt keine "neutralität" gegenüber juden und israel - wie wir sie vielleicht gegenüber dem herkunftsland und dem glauben unseres türkischstämmigen nachbarn und kollegen gefunden haben - es gibt im höchsten falle vielleicht eine "all-parteilichkeit", in dem wir versuchen empathisch beide seiten, die dort unten im nahen osten aufeinanderprallen, zu verstehen - wobei uns israel aber nie "gleichgültig" werden darf - da sind wir zur parteilichkeit gefordert - denn "juden" sind eben keine "anderen", sondern waren und sind unsere angestammten landsleute und nachbarn ...

insgesamt wäre es einfacher, wenn christen, juden und muslime sich auf ihren großen gemeinsamen und identischen stammvater abraham besinnen lernten, der im alten testament und damit in der thora und im koran gleichermaßen erwähnt und verehrt wird, als den gemeinsamen ursprung unserer religionen auch aus und zu dem einen gott, den die muslime "allah" nennen ...

diesen traum habe ich, auch angesichts des legendären kniefalls von willy brandt 1970 in warschau - dass diese drei abrahamitischen religionen voller gegegnseitiger achtung und eigenständigkeit trotz allem einmal zusammenfinden zu einem miteinander ... - das wäre ein großer schritt zum frieden in der welt - und ein zeichen gegenüber allen atheisten und agnostikern ... - S!

"negro" heißt im spanischen "schwarz"



RASSISMUS UND SPRACHE

Auch wer „Negerpüppis“ liebte, sagt nicht mehr „Neger“

Der MDR fragte in einem Tweet: „Darf man heute noch ‚Neger‘ sagen?“ Die Antwort ist einfach: Man darf. Aber man verrät sich dadurch als unhöflicher Trottel mit schlechtem Benehmen. Eine Wortbetrachtung.


Es ist faszinierend, dass in einem Land, in dem es nach wie vor relativ wenige schwarze Menschen gibt, kaum ein Wort so große Sprengkraft entfalten kann wie eine historische Bezeichnung für ebendiesen Personenkreis, die bei jedem Vernünftigen längst aus der Mode gekommen ist. Die Erregung um den Tweet des MDR, der eine mittlerweile abgesagte Radiodiskussion zum Thema „politische Korrektheit“ mit der Frage „Darf man heute noch Neger sagen?“ anpries, ist ja nicht die erste dieser Art.

Ältere Menschen werden sich erinnern, dass eine der letzten große Literaturdebatten (vor der Avenidas-„Was darf Lyrik?“-Debatte) 2013 damit begann, dass die damalige Familienministerin Kristina Schröder (CDU) erklärte, sie ersetze die Wörter Negerkönig und Negerprinzessin, wenn sie ihrem Kind Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“ vorläse.

Zu diesem Zeitpunkt waren die Ausdrücke in neueren Ausgaben des Kinderbuchklassikers schon durch Südseekönig und Südseeprinzessin ausgetauscht – zwei Wörter, die den Vorlesern schon länger in Fußnoten als Alternativen vorgeschlagen wurden. Kurz darauf wurden auch Negerlein in Ottfried Preußlers „Die kleine Hexe“ durch Messerwerfer ersetzt. Das hatte der greise Autor noch selbst genehmigt. Astrid Lindgren war da schon tot, aber man darf davon ausgehen, dass sie das Wort Neger genauso wenig als zentral für ihre literarische Botschaft ansah wie ihr deutscher Kollege.

Ernst Neger war ein Näher

Zwei Jahre später attackierten Aktivisten die Dachdeckerei Neger in Mainz, deren Firmenschild die Silhouette eines schwarzen Menschen zeigt. Entworfen hat es der Großvater des heutigen Firmeninhabers, Ernst Neger, ein Sänger von Karnevals- und Stimmungsliedern. Der Mainzer Fall war insofern besonders interessant, weil der Familienname Neger gar nichts mit Afrikanern zu tun hat, sondern nur eine dialektale Variante der Berufsbezeichnung Näher ist.

Neger als Bezeichnung für Menschen mit dunkler Hautfarbe geht dagegen auf das spanische negro und das französische nègre zurück, die wiederum auf lateinisch niger „schwarz“ zurückzuführen sind. Es wurde seit dem 17. Jahrhundert im Gegensatz zum schon damals eher dem gehobenen, literarischen Stil zugehörigen Mohr das alltägliche allgegenwärtige Wort. Man nannte so nicht nur Afrikaner. Bis sich seit den Siebzigerjahren auch bei uns Aborigenes durchsetzte, hießen die australischen Ureinwohner hierzulande Australneger.

Es heißt, Neger sei früher ein wertfreies, nicht rassistisches Wort gewesen. Aber das ist zweifelhaft. Denn der Begriff ist eng mit dem Weltbild des 18. und 19. Jahrhunderts verknüpft, also Epochen, die Schwarze fast durchweg als inferior ansahen – auch wenn ihnen einzelne Menschen wohlwollend paternalistisch gegenübertraten.

In Deutschland wurde das Wort dann endgültig ruiniert durch den besonders gehässigen Gebrauch, den der Nationalsozialismus und seine Stichwortgeber davon machten. Ein Schlüsselerlebnis war für sie die „schwarze Schmach“, die Besetzung von Teilen Westdeutschlands durch französische Truppen Anfang der Zwanzigerjahre, bei der auch Soldaten aus den afrikanischen Kolonien eingesetzt wurden. Die Vernegerung Frankreichs galt den Nazis seitdem als erwiesen. Der Unterschied zwischen eher freundlichem Mohr und Neger zeigt sich schon darin, dass es keine den gehässigen Negermusik oder vernegern vergleichbare Wortbildungen mit Mohr gegeben zu haben scheint.

Trotzdem wurde Neger bis in die Siebzigerjahre hinein unbefangen gebraucht, nicht zuletzt, weil selbst ein Bürgerrechtler wie Martin Luther King im Englischen von negroes sprach. Als wirklich schlimm galt nur das im 19. Jahrhundert aus den USA importierte Nigger. Noch in den Achtzigerjahren benutzten es sogar eher linke Künstler und Intellektuelle, Neger eher spielerisch gegen den Stachel der schon damals aufkommenden sprachlichen Korrektheit löckend. In dieses Feld gehören „der weiße Neger Wumbaba“ des Cartoonisten Bernd Pfarr ebenso wie der Filmtitel „Der Neger Erwin“ von Herbert Achternbusch. Einer der Diederichsen-Brüder Detlev und Diedrich schrieb 1982 im „Sounds“ über Musik der amerikanischen Schwarzen und wählte dafür das Pseudonym „Neger Negersen“.

Der weiße Neger Wumbaba

Unmöglich wurde das Wort erst, als die Zahl der Afrodeutschen allmählich zunahm und diese es sich verbaten, Neger genannt zu werden. Der Verzicht auf diese Bezeichnung ist nicht unbedingt eine Frage neumodischer Ideen von politisch korrekter Sprache, sondern ein Impuls altmodischer Höflichkeit und Zivilisiertheit – zwei Verhaltens-Codices, die bei der aktuellen Brüllrechten aus der Mode gekommen sind. Er fällt umso leichter, weil das Wort außer für Rassentheoretiker niemals einen hohen Wert hatte. Wo Achternbuschs Film oder Jean Genets Stück „Die Neger“ noch gezeigt werden, können Erwachsene die Konfrontation mit historischen Sprachformen wohl aushalten. In der Alltagssprache ist es überflüssig.

Bei jeder neuen Neger-Debatte seit 2013 melden sich aber auch immer wieder Menschen, die fürchten, mit der Zurückdrängung des Worts ginge uns eine bewahrenswerte Kulturtradition verloren. Vor allem ältere Herren scheinen ihre schönsten Kindheitserinnerungen mit dem Ausdruck zu verbinden. Gewiss war es schön, der Negerpüppi in der Puppenstube einen Negerkuss zu servieren. Man sollte aus ein halbes Jahrhundert zurückliegenden Spielen dennoch keine Verhaltensregeln für die Gegenwart ableiten.

DIE WELT

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also - ich bin auch damit aufgewachsen, dass dunkelhäutige mitmenschen "neger" hießen. es gab sie bei den englischen soldaten, die hier einige kasernen unterhielten - und ich kannte sie von bildern und als puppen. meine cousine hatte auch ein "neger-püppchen" ...

erst nach und nach habe ich internalisiert, dass im zuge eines früheren "political correctness" hype der "neger" obsolet wurde - und damit auch der "negerkuss" - und man wollte sogar pippi langstrumpfs "negerkönig" an die wäsche bzw. ihm seine schwarze haut über die schwarz-rot leuchtenden ohren ziehen ...

so ganz konnte ich das nie nachvollziehen - besonders nicht, wenn man alte original-texte im nachhinein verschlimmbessern wollte, in dem pippis "negerkönig" zum "südseekönig" mutiert werden sollte, ohne dass astrid lindgren dazu etwa ihr okay noch hätte geben konnte...

okay - soviel hatte ich mir angelesen: "nigger" war ein schimpfwort aus der kolonialzeit - und so wurden schwarze sklaven bezeichnet. aber war "neger" gleichzusetzen" mit "nigger" ???

da es sich nicht mehr schickt, werde ich das wort "neger" möglichst vermeiden - obwohl ich ja inzwischen auch nicht mehr "mohrenkopf" sagen soll, stattdessen "schoko"- oder "schaumkuss": wobei beide begriffe mir rein optisch als tatsächliches kuss-attribut auch nicht sehr ästhetisch scheinen ... - die assoziationen zu schaum etwa: "schäumt vor wut" - "schaum vor dem mund" - "träume sind schäume" ...
nun ja ...: man/frau kann nicht alles haben - und "deutsche sprache - schwere sprache" ...

sprache lebt mit uns: wörter und begriffe und namen werden geboren oder haben eine hoch-zeit, ihre saison, ehe sie wieder vergehen ... und abgelöst werden - je nach gusto ...

das ist also alles nicht weiter schlimm ... - und wenn wir begriffe aud der umgangssprache nicht mehr verwenden, weil sie im nationalsozialismus zum beispiel rassistisch konnotiert wurden - ist ja die spannende frage, sollen wir uns die alte unbedarfte bedeutung zurückerobern - oder geben wir dem damaligen braunen zeitgeist einfach nach ...: jüngste beispiele dazu sind die begriffe: journaille, zersetzung, altparteien, lügenpresse, volksverräter, minderwertig - wie überhaupt alle begriffe die vom stammwort "volk" abgewandelt wurden, wie "völkisch", "umvolkung" usw., die alle gern auch von joseph goebbels und konsorten eifrig in einem "zersetzenden" geist benutzt wurden ... - und neuerdings auch wieder gern in diesem sinne von herrn gauland und bis vor kurzem von frauke petry und all deren "gesinnungsgenossen" ...

aber - ob zum beispiel "inklusion" oder "besonders förderungsbedürftig" besser ist als z.b. "gleichwertig" bzw."behindert" sei mal dahingestellt ...

frühere ganz normale medizinische bezeichnungen wie "idiotie" oder "epilepsie" haben da ja eine ganz eigenartige schimpfwort-"karriere" hinter sich ...

und doch bleibt es wohl dabei: "wer die musik bezahlt, bestimmt was gespielt wird" ...

und selbst luthers bibelübersetzung hat ja inzwischen in all den jahrhunderten ein paar revisionen über sich ergehen lassen müssen - mit viel aufwand und tam-tam ... 

- und: was sagt der spanier jetzt wohl zu "schwarz" ... ???
S!

Mittwoch, 18. April 2018

schlechtes gewissen





Kultur / Medien

Mit Hakenkreuz ins Theater

Eklat: Wer bei der Aufführung von George Taboris "Mein Kampf" im Theater Konstanz ein Hakenkreuz-Symbol im Saal trägt, erhält freien Eintritt. Die Idee sorgt für große Aufregung

Von Kathrin Drinkuth

Ein Hakenkreuz, Symbol für massenhaftes Morden der Nazis, als Gratis-Eintrittskarte für eine Theaterstück? Ein Witz? Was sich der in der Türkei geborene deutsche Kabarettist und Regisseur Serdar Somuncu als Provokation am Theater Konstanz ausgedacht hat, ruft immer mehr Kritiker auf den Plan. Am Dienstag beantwortet er bei einer teils sehr emotional geführten Debatte mit Journalisten gut eine Stunde lang Fragen zur Aktion, bevor er aufsteht und zur Lichtprobe geht, um weiter an der für Freitag geplanten Premiere von George Taboris Stück "Mein Kampf" zu arbeiten.

Die Debatte dreht sich darum, was Theater eigentlich kann und darf. Das Schauspielhaus in Konstanz bietet den Zuschauern zur Vorführung von George Taboris Stück "Mein Kampf" einen umstrittenen Deal an: Wer zur Aufführung im Theatersaal ein Hakenkreuz-Symbol trägt, erhält freien Eintritt. Wer dagegen eine Karte kauft, kann sich entscheiden, ob er einen Davidstern als Zeichen der Solidarität mit den jüdischen Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft tragen will.

Ist das Geschmacklosigkeit, wie es unter anderem die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Konstanz dem Theater vorwirft? Oder ein misslungener Marketing-Gag? Weder noch, heißt es beim Theater. Mit der Idee habe man zeigen wollen, wie leicht Menschen bestechlich seien. Theaterintendant Christoph Nix sieht darin zudem eine Auseinandersetzung mit Rassismus: "Und das Theater ist der einzige Ort, an dem unmittelbar solche Auseinandersetzungen stattfinden."

Auch Regisseur Somuncu verweist darauf, dass Antisemitismus in Deutschland zunehmend hoffähig sei - dem müsse man entgegenwirken. Es gehe darum, die demokratische Verfassung in Schutz zu nehmen, sagte er. "Aber nicht dadurch, dass wir uns zum Opfer machen oder uns zurückziehen in Räume und kleine abgezirkelte Bereiche, in denen wir mit Gleichgesinnten Gleichgesinntes austauschen - sondern offensiv raus auf die Straße und zwar direkt ins Gesicht unserer politischen Gegner." Aufgabe des Theaters sei es, praktische Anleitungen für Diskussionen zu geben - "und genau das ist die Idee meiner Inszenierung".

Bislang seien bereits mehrere Anfragen für eine Freikarte im Gegenzug für das Tragen eines Hakenkreuz-Symbols eingegangen, sagte Nix. Ein Treffpunkt für Nazis soll das Theater nicht werden.

Man werde darauf achten, dass es bei den insgesamt 14 Vorstellungen jeweils nur eine Handvoll Menschen mit Freikarte sei. Am Eingang werde streng kontrolliert und auch intensiv darauf geachtet, dass die Symbole nach der Veranstaltung wieder eingesammelt würden. Zudem seien Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden, falls es zu Zwischenfällen kommen sollte.

Dass die Premiere auch noch ausgerechnet auf den Geburtstag von Adolf Hitler fällt, ist nach Angaben von Nix ein früherer Wunsch seines Freundes George Tabori (1914-2007). Das Theater habe zudem ein Gutachten eingeholt, um mögliche juristische Fragen zu klären. Denn grundsätzlich ist das Tragen von Hakenkreuzen in der Öffentlichkeit verboten, wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Konstanz sagt. Es seien bereits mehrere Anzeigen eingegangen, die nun geprüft würden.

Das Schauspielhaus wiederum verweist darauf, dass die Verwendung aus seiner Sicht erkennbar eine künstlerisch-vermittelnde Funktion habe. Deshalb drohe keine Gefährdung der demokratischen Rechtsordnung oder des politischen Friedens.

Wie genau die bei den Aufführungen verwendeten Symbole - sowohl Hakenkreuz als auch Davidstern - aussehen sollen, gibt das Theater derzeit ohnehin noch nicht preis. "Das werde erst noch entschieden", sagte Somuncu vage. "Wir sind noch im aktiven Prozess der Inszenierung - es kann auch sein, dass wir am Ende die Zuschauer dazu aufrufen werden, sich eine Mickey Maus anzuheften."

Taboris 1987 uraufgeführte Groteske hat die "Wiener Jahre" Adolf Hitlers als Bewohner eines Männerwohnheims zum Thema.



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Kommentar
Gedankenlos
Anke Groenewold | NW

Jetzt hat also auch das Theater Konstanz entdeckt, wie man mit Provokation bundesweit Aufmerksamkeit erzeugt. Die Erklärungen, die Intendant und Regisseur zu der Aktion gegeben haben, sind vage bis banal. Das legt den Schluss nahe, dass es überwiegend um gedankenloses Marketing geht. Wieso fördert es die "Auseinandersetzung mit Rassismus", wenn das Publikum Hakenkreuze und Davidsterne trägt? Was daran ist eine "Anleitung zur Diskussion"? Der inszenierte Aufreger hat zur Folge, dass über das Theater diskutiert wird, was es darf oder nicht, nicht aber über Rassismus.


© 2018 Neue Westfälische
03 - Bielefeld Süd, Mittwoch 18. April 2018

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gewiss fällt dieser pr-gag eines provinz-theaters in eine höchst sensible zeit - auch nach dem eklat zur "echo"-verleihung und der stimmung im lande insgesamt in der auseinandersetzung mit populismus und afd.

ansonsten ist für mich diese idee durchaus nachvollziehbar - und sie hat es bei näherer betrachtung auch in sich: wer normal sein billet an der abendkasse ersteht kann ja den davidstern wählen - wer aber sich partout verführen lässt vom "freien eintritt", bekommt eben das hakenkreuz in die hand gedrückt.

ob das dann tatsächlich getragen wird oder in die tasche gesteckt wird, sei mal zunächst dahingestellt.

mich erinnert das ganze prozedere auch an den film "die welle", in dem in einem gruppendynamischen psychoversuch demonstriert wird, wie rasch eine schulklasse durch bewusste manipulationen des lehrers in eine recht willen- und selbstlose gurkentruppe verwandelt wird (click here) - und dazu auch an das sogenannte "milgram-experiment", in dem die bereitschaft durchschnittlicher personen getestet wird, autoritären anweisungen auch dann folge zu leisten, wenn sie in direktem widerspruch zu ihrem gewissen stehen (click here) ...

das ganze hat also für mich neben allem aufmerksamkeitgeheische schon auch ein symbolträchtiges "gschmäckle": unsere eltern und großeltern schlitterten ja auch oft ebenfalls "ohne eigenes zutun", aber zumeist auch ohne den eigenen widerstand zu mobilisieren, geradezu besoffen durch die raffiniert gesetzten psychodynamischen und massenhysterischen fänge des tiefbraunen hakenkreuz-symbol-sumpfes: in den schulen prangten ganz selbstverständlich bei hitlers geburtstag die transparente und flatterten die hakenkreuz-fahnen - und viele lehrer waren ns-parteigenossen - ebenso wie übrigens die meisten ärzte damals: also von den sogenannten akademischen "bildungs-eliten" bis hinunter zum "lumpenproletariat" ...

das hakenkreuz drückte symbolhaft damals den herrschenden allgemeinen "zeitgeist" aus, dem sich wohl niemand entziehen konnte - und nur eine verschwindend kleine minderheit ballte dabei die faust in der tasche - die jugend wurde zum kriegsertüchtigenden hj- und arbeitsdienst verpflichtet - mit unterricht in eugenisch-arischer rassenlehre: das "reich" übernahm die umfassende erziehungs- und bildungsarbeit ...

und wenn man seinen widerstand nicht "teuer erkaufte" oder als jüdisch glaubender landsmann zur kennzeichnung per davidstern verpflichtet wurde - mit dem andauernden tödlichen damoklesschwert der vernichtung über dem haupt - trottete man eben in diesen sumpfigen zeitgeist hinein - und verkörperte ihn mit.

begrifflich ist "nazis" ebenso ungenau wie beispielsweise "die 68er" - jetzt in den kommentaren zum 50. allerorten: 
  • während die einen immer die handvoll protestierend-krakeelender studenten damit bezeichnen gehören für andere eben alle menschen dazu, die 1968 zwischen ca. 16 und ca. 30 jahre alt waren - also in etwa die jahrgänge 1940-1950 ... - die den "ruck durch die nation" damals in vielen lebensbelangen mitinszenierten und spürten und lebten und fühlten...
 - ähnlich missverständlich ist es beim begriff "nazis":
  • während die einen die uniformierten hakenkreuz-armbinde tragenden aktiven parteigenossen damit bezeichnen - sind es für andere - durchaus legitim gemessen an den überwältigenden wahlerfolgen der nsdap - die gesamtbevölkerung der jahrgänge von ca. 1880 - ca. 1925, die sich in hohem maße für adolf hitler engagierten: aktiv und passiv - auch damals schon mit: "das wird man ja wohl noch sagen dürfen" - und vielleicht mit gezielten denunziationen und später auch kollaborationen beim anschwärzen und verfolgen z.b. des "verdächtigen nachbarn" beim ortsgruppenleiter oder bei der "braunen nsv-gemeindefürsorgerin" wenn "etwas in der nachbarschaft wohl nicht ganz stimmte" ...
um "nazi" zu sein oder als "nazi" zu denken benötigte man eben keine mitglieds- bzw. "eintritts"-karte, was man ja leider auch heutzutage wieder vor augen geführt bekommt (stichwort: cottbus) - die genannten generationen hatten oft als zeichen des zeitgeistes auch unsichtbar ein "hakenkreuz" auf der stirn bzw. "ein brett vor dem kopf" - vor allen dingen, wenn man so "mit dem strom" im "mainstream" - im gleichschritt - mittrottete: "führer befiehl - wir folgen" ...

mit seinem pr-gag hält der offensichtlich nicht ur-deutschstämmige serdar somuncu [ˈseɾdaɾ ˈsomund͡ʒu] (* 3. juni 1968 in istanbul, türkei) durchaus legitim - als deutscher kabarettist, autor, regisseur und politiker - ziemlich provokant der "nazi"-generation und all ihren nachkommen und der gesellschaftlichen gemengelage heutzutage rigoros den spiegel vor - und zur bundestagswahl 2017 trat er außerdem als kanzlerkandidat der partei die PARTEI an. gelegentlich tritt er auch als musiker, schauspieler und synchronsprecher in erscheinung.

der aufschrei über seinen pr-gag - und der tröpfchenweise anschwellende aufschrei bei der "echo"-verleihung ein paar tage vorher - hat meines erachtens auch viel mit dem kollektiven und nur verdrängten aber nicht aufgearbeiteten "schlechten gewissen" im bewusstseinskollektiv dieses "abendländisch-christlich-jüdischen" volkes "der dichter und denker" - und des zumindest bis diesen sommer amtierenden fußball-weltmeisters - zu tun ... respekt und chapeau allen beteiligten, diese verdrängung immer wieder offenzulegen ... - S!