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Samstag, 18. November 2017

"Euthanasie" in den kirchlichen Einrichtungen in OWL

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zu dem Bericht im WESTFALEN-BLATT vom 18.11.2017

Zum Digitalen Gedenkbuch der Stiftung Eben-Ezer →CLICK HERE

Auch wenn der oben genannte Bericht in der Unterzeile überschrieben ist mit: "... Wie OWL mit der NS-"Euthanasie" umging..." werden einige für Ostwestfalen-Lippe eigentlich bekannte Fakten darin nicht explizit genannt - werden aber z.T. wenigstens in dem neuen "Digitalen Gedenkbuch" der Stiftung Eben-Ezer von Frank Konersmann angerissen (z.B. dort in der Fußnote 20) - und sind aber unbedingt bei einem Überblick "für OWL" mit festzuhalten:

Denn leider bleiben in dem Zeitungsbericht oben die über 120 Personen der zumeist tödlich ausgegangenen "Verlegungen" von 1943-1945 aus der Anstalt Eben-Ezer, Lemgo, in die Anstalt Lindenhaus in Brake b. Lemgo - und wohl auch auf der Gedenk-Stele - unerwähnt ... (s. Frank Konersmann in: "Für ein Leben in Vielfalt", Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld  2012, S. 219). Diese "Verlegungen" geschahen "auf Anordnung" - jeweils wohl zur Umwidmung von Anstaltsplätzen in akute Lazarettbetten ...  

Die Mehrheit dieser eigentlich bis dahin ausreichend genährten betroffenen Bewohner (begünstigt durch die der Anstalt Eben-Ezer angeschlossenen Landwirtschaft) waren aber insgesamt "seit längerem" (!) (Konersmann) stark vernachlässigt und starben plötzlich infolge dieses ad-hoc-Umzugs tatsächlich einen unnatürlichen Hungertod in der Anstalt Lindenhaus - und sind somit sicherlich einzureihen in die sogenannte dezentral organisierte - früher sagte man "wilde ... - Euthanasie", die oft durch bewusst und organisiert massenhaftes Hungersterben und/oder Medikamentenüberdosierungen herbeigeführt wurde (s. dazu Literatur von: Heinz Faulstich: Hungersterben in der Psychiatrie 1914-1949, Freiburg 1998)  - und das vollzog sich letztendlich in nur vielleicht 3 km Luftlinie Entfernung - in Brake bei Lemgo - eben in der Anstalt Lindenhaus  (vgl. dazu Jutta M. Bott: "Da kommen wir her ...", Landesverband Lippe, Detmold 2001, S. 343-346 und 449 - 457). 

Auch die plötzliche signifikante Verdreifachung der Todesziffern zwischen 1944-1946 [sic!] in Eben-Ezer (eben trotz der angeschlossenen Landwirtschaft)  – “harrt noch einer Erklärung” ... schreibt Frank Konersmann in: "Für ein Leben in Vielfalt", Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld  2012, S. 220 und 221...

Die Fachtagung hat Bezug genommen auf den "Umgang mit der NS-"Psychiatrie" lediglich in den kirchlichen Einrichtungen in Ostwestfalen-Lippe: 
  • In Bezug auf das gesamte "Euthanasie"-Geschehen in Ostwestfalen-Lippe ist unbedingt die geradezu massenhafte Deportation in den Tod von Patienten der Gauheilanstalt aus Gütersloh zu erwähnen. Heute erinnert dort eine Gedenkstätte (Namens-Leuchtband in der Kapelle und ein steinerner Obelisk) an diese insgesamt mindestens 1017 Opfer des Nationalsozialismus von dort.
  • Insgesamt kann man also seriös von mindestens ca. 1500 “Euthanasie”-Ermordeten aus den Einrichtungen aller Couleur in OWL ausgehen ... - trotz allen hinhaltenden oder mutigen "Widerstandes an der Grenze zur Kollaboration" der kirchlichen Anstalten hier ... - aber auch weil die "Verfügungsgewalt" der konfessionellen Anstalten über die "staatlich" finanzierten Patienten nur begrenzt war im Rahmen der subsidiären* Unterbringungsbestimmungen und Finanzierungsverträge - da wurden einfach "Verlegungen" behördlicherseits "befohlen", mit dem Ziel Pflegegelder einzusparen aber damit auch politisch und ideologisch Druck auszuüben - und im Endstadium des Krieges Betten frei zu bekommen für die Lazarettnutzung - letztlich dann durch die Ermordung der Hilfsbedürftigen, das war dann unschlagbar die "billigste" Lösung ... (da waren die jüdischen Patienten aus Bethel - wohl auch Deportationen aus Bethel mit verschleiernden Umwegen über staatliche "Zwischenanstalten", jedoch letztlich dann in die einschlägigen Tötungskliniken - deportierte Patienten aus dem Wittekindshof, aus Eben-Ezer Lemgo und die Hungertoten der Anstalt Lindenhaus - u.a.)  S!
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* Subsidiaritätsprinzip: Seit der Weimarer Republik werden genuin staatliche Betreuungsaufgaben auf konfessionelle und gemeinnützige Einrichtungsträger vertraglich verteilt. Diese nichtstaatlichen Einrichtungen umsorgen aber jeweils auch die sogenannten "Privatzahler". Die staatlich untergebrachten Patienten konnten also auf Geheiß jeweils auch als "Verfügungsmasse" je nach Auslastung und Kostensatz und politischer Ideologie hin und her geschoben werden: In der Regel war der Tagespflegesatz in den staatlichen Einrichtungen (z.B. die "Gau-Heilanstalten") günstiger als in konfessionellen oder gemeinnützigen Einrichtungen.
Die jeweiligen Aufnahmeverträge entschieden aber auch die personelle Ausstattung in ärztlichen oder pädagogisch-sozialen Diensten und stellten so ein existenzielles Druckpotenzial dar, besonders für kleine "freie" Wohlfahrtsträger ...

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und hier der Bericht von der Lippischen Landeszeitung in Detmold:

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