"

S!|art: die raucher als geschlossene gesellschaft - oder: waldlichtung

Donnerstag, 11. Januar 2018

groß - größer - julian schnabel


Julian Schnabel mag große Formate - und das Malen im Freien, denn das Licht ist dort so hell und erbarmungslos: Was im Freien bestehen kann, kann es in Innenräumen dann auch, meint er. (Foto: Porfirio Munoz)





Groß, größer, Schnabel

Neu im Kino: Pappi Corsicato porträtiert den US-Maler, Filmemacher und Exzentriker Julian Schnabel. Die Hommage ist etwas oberflächlich, aber unterhaltsam

Von Anke Groenewold

"Vielleicht mag ich ihn, weil ich ihn nicht verstehe", sagt der Drehbuchautor Jean-Claude Carrière über den Maler Julian Schnabel. "Er ist eine der rätselhaftesten Personen, die ich kenne." Diese Sätze fallen in Pappi Corsicatos Filmporträt des amerikanischen Malers und Regisseurs Julian Schnabel. 

Das Rätsel Schnabel vermag Corsicato, der mit dem Maler befreundet ist, auch nicht zu lösen. Sein Film ist eine flott geschnittene Hommage. Eine tiefer gehende Analyse des Phänomens Julian Schnabel fehlt, Kritisches ebenso.

Der Regisseur holt neben Schnabel dessen Schwester, zwei Ex-Ehefrauen, mehrere seiner Kinder und Prominente wie die Schauspieler Al Pacino, Willem Dafoe, die Musiker Laurie Anderson und Bono oder den Künstler Jeff Koons vor die Kamera. Sie alle singen Loblieder auf den Mann, der mit seiner ersten Ausstellung 1979 schlagartig zum Star der New Yorker Kunstszene aufstieg, aber auch kontrovers diskutiert wurde. 

"Er ist überlebensgroß", sagt der Regisseur Héctor Babenco über Schnabel. Ein Satz, der immer wieder in dem Film zu hören ist. Denn was das Überlebensgroße diese 1951 in New York geborenen Malers und Filmregisseurs ("Schmetterling und Taucherglocke", "Basquiat") jenseits seiner gigantischen Bilder und seines exzentrischen Lebensstils ist, kann Corsicato in seinem stilistisch biederen, flatterhaften Film nicht wirklich vermitteln. Dazu fehlen ihm Ruhe, Fokus, vor allem aber Distanz und eine echte Auseinandersetzung mit der Kunst und den Geschichten hinter den Bildern. Dennoch: Der Film ist materialreich, unterhaltsam und macht neugierig auf dieses Multitalent. 

Schnabel beim Malen zuzusehen, ist reizvoll. Zum Beispiel, wenn er unter freiem Himmel farbgetränkte Lappen auf gigantische Leinwände schleudert und am Ende selbst vor Farbe trieft. Oder wenn er eins seiner Tellerbilder malt. Leider hält sich Corsicato nie lange bei der Kunst auf. Die Gemälde Schnabels rauschen so schnell vorbei, dass man zwar viel zu schauen bekommt, aber am Ende das Gefühl hat, nichts wirklich gesehen zu haben. 

"Als ich jung war, wollte ich ein großer Künstler werden", erklärt Schnabel, der als Sohn jüdischer Einwanderer 1959 in New York geboren wurde, zunächst in Brooklyn aufwuchs und später ins ländliche Texas umsiedelte. Seine Tochter Lola sagt einen Schlüsselsatz: "Er sagte immer zu mir, dass Kunst zu erschaffen ein Fluchtweg aus der Realität ist - sie wird dich vor allem retten." Wovor das Allheilmittel Schnabel rettet, bleibt vage. Der Künstler selbst deutet private Krisen an - gescheiterte Beziehungen etwa, bei denen er den Sänger Lou Reed als mütterlich sorgenden Vertrauten an seiner Seite hatte. Aber der 66-Jährige lässt sich in den recht knapp geratenen Gesprächen mit Corsicato nur bedingt in die Seele schauen, etwa wenn er verrät: "Ich bin nicht gern allein."

Schnabel hat sich seine eigene Welt erschaffen. Er inszeniert sich als barocker Malerfürst in Seidenpyjamas, baute sich in New York einen rosaroten, protzigen venezianischen Palazzo. "Er machte immer nur das, was er wollte", sagt seine Schwester Andrea Fassler über Schnabels behütete Kindheit. Nichts scheint unmöglich für dieses selbstbewusste Energiebündel, sein Umfeld lobt ehrfürchtig seine Energie und Willensstärke. In Bologna wollte man ihm mal den Schlüssel der Stadt überreichen. Den wies er zurück, forderte vom Bürgermeister statt dessen die ausgeblichenen Vorhänge des Rathauses für seine Kunst - und bekam sie, erklärt Julian Schnabel freudestrahlend. 

"Er machte immer diese übertriebenen Aussagen", erinnert sich die Galeristin Mary Boone, die als Erste seine Werke ausstellte, "aber die meisten wurden wahr" . 

Den schrägsten Satz des Films sagt sein Sohn, der Kunsthändler Vito Schnabel, der mal mit Model Heidi Klum liiert war: "Er ist einer der letzten Künstler, die ihre Werke wirklich noch selbst malen."


 _______________________________________


Film und Ausstellung 
Der Film "Julian Schnabel: A Private Portrait" läuft in Programm-Kinos bundesweit  
Originale von Julian Schnabel stellt zurzeit die Galerie Samuelis Baumgarte in Bielefeld aus. Noch bis 3. Februar sind dort Arbeiten aus den Jahren 1991 bis 2016 zu sehen.  
Neben Gemälden wie dem großflächigen "Untitled (Chinese Painting)" aus dem Jahr 2008, das die große Ausstellungshalle dominiert, sind mehr als 30 grafische Werke zu sehen. 
Die Galerie am Niederwall 10 ist geöffnet von Montag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr und am Samstag von 10 bis 14 Uhr.  
© 2018 Neue Westfälische, Donnerstag 11. Januar 2018




ich lernte den namen julian schnabel zunächst als filmemacher kennen: "basquiat", 1996, über den von mir verehrten wilden jung verstorbenen künstler jean-michel basquiat, mit dem er befreundet war, und den er deshalb sehr hautnah porträtieren konnte.

in diesem film "a private portrait" nun lässt auch der bildende "groß"-künstler julian schnabel den regisseur pappi corsicato ebenso nahe heran an sich, denn schnabel bleibt ansonsten eben gern etwas exzentristisch in übervornehmer distanz - trotz all der "größe", die er selbst und seine werke mit ihm ausstrahlen.

wenn ich etwas von ihm sehe und ihn höre - und seine vorliebe für seidene pyjamas, die er in verschiedenen ausführungen am liebsten immer trägt - so erinnert mich das stark an salvador dali - und bei mir macht es dann den inneren click: julian schnabel - als "wiedergänger" von dali ...

natürlich anders und im künstlerischen stil mit der zeit mitgegangen: aber wenn ich z.b. seine arbeit "untitled (dom zu köln)" 2016, anschaue, die er für die grafik-edition des kölner stadt-anzeigers schuf, dann macht es wieder diesen click hin zu dali:  ausgangspunkt seiner überarbeitung bildet dabei ein original schulwandbild, wie es ursprünglich für lehrzwecke bis in die 1950er jahre hergestellt wurde.



in dieser übermalung spielt das gestisch-expressive in seiner pinselführung eine ebenso entscheidende rolle wie die zufälligkeit des farbabdrucks, den ein in farbe getränkter lappen auf der bildoberfläche hinterlassen hat. diese spannung, einen altmeisterlichen aber mittlerweile vergammelten stich mit figuration und abstraktion in ein neues anderes und plötzlich zeitgenössisches kunstwerk zu verwandeln, ist mit "einfachen" mitteln hervorragend gelungen ... 

sein fiktionaler fast surrealistischer gestus macht dieses werk zu einer komposition, in der schnabel vor allem das bleibende aufsteigend metaphysische in und über der vergehenden materie sichtbar macht. - S!