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S!|art: die raucher als geschlossene gesellschaft - oder: waldlichtung

Dienstag, 9. Januar 2018

nicht das kind mit dem bade ausschütten ...

abgelegte blüten an der gedenkstätte für die opfer der ns-"euthanasie" in berlin

Politikerin fordert Pflichtbesuch in KZ-Gedenkstätte

Die SPD-Politikerin Sawsan Chebli fordert, einen Besuch im Konzentrationslager für Deutsche und Asylbewerber zur Pflicht zu machen. Das sagte die Berliner Staatssekretärin der „Bild am Sonntag”.

„Ich fände es sinnvoll, wenn jeder, der in diesem Land lebt, verpflichtet würde, mindestens einmal in seinem Leben eine KZ-Gedenk­stätte besucht zu haben”, erklärte Chebli, selbst Tochter palästinensischer Flüchtlinge.

Sawsan Chebli fordert positive deutsche Identität

Im Gegensatz zu ihrer Generation tue sich die dritte Generation muslimischer Einwanderer deutlich schwerer mit der Identifikation mit Deutschland. Es brauche deshalb eine positive Definition deutscher Identität.

Teil dieser Identität soll ihrer Meinung nach die Erinnerung an nationalsozialistische Verbrechen sein. So könne man auch den Antisemitismus bei Migranten wirksam bekämpfen.

Die gläubige Muslimin engagiert sich seit Jahren gegen Antisemitismus. Nach den jüngsten israelfeindlichen Demonstrationen in Berlin hatte Chebli bereits ein größeres muslimisches Engagement gegen Judenfeindlichkeit in Deutschland gefordert. (lan)


stolpersteine als beispiel für gedenk-kultur - bild: stolpersteine-langen.de


also - ich bin 70 jahre alt - ich habe die kz-gedenkstätte bergen-belsen besucht, wo anne frank ermordet wurde - und ich engagiere mich für das gedenken an meine tante erna kronshage (1922-1944), in einem insgesamt "nur" 484 tage andauernden erbarmungslosen leidensweg elendig umgebracht im zuge der ns-"euthanasie"-krankenmorde, nachdem sie ein paar wochen zuvor bereits zwangssterilisiert wurde ... 

meine intention ist es: den stummen ns-opfern durch recherche endlich eine sprache zu geben - und davon zu berichten.

ich habe also wohl als alter 68-er die von sawsan chebli für alle hier lebenden menschen eingeforderte auseinandersetzung mit den opfern des holocaust aktiv erfüllt. aber ich frage mich angesichts dieser forderung von frau chebli, ob ich mich jetzt irgendwie zufriedener, stolzer, besser, deutscher fühle, ob ich mich deshalb mehr mit deutschland identifiziere ...

die verbrechen des nazi-regimes waren verbrechen gegen die allgemeine menschlichkeit - denen auch menschen vieler hautfarben und nationalitäten zum opfer fielen. trotz aller blut-und-boden-mentalität damals sollte man heute die "nationalen" aspekte dazu ("alle in deutschland lebenden menschen"... - "identifikation mit deutschland" usw.) zurückstellen ...: alle europäer, alle menschen aus dem arabischen raum, asiaten, afrikaner: allewelt sollte, wenn sie wollen, kz-gedenkstätten besuchen ...  

eine "verpflichtung" von außen für solche besuche halte ich für unsinnig. jeder mensch in deutschland muss in der schule davon hören, zeitzeugen oder angehörige oder experten zu veranstaltungen dazu eingeladen werden, die eigene familiengeschichte in der ns-zeit kann man aufarbeiten (ur-großeltern, großeltern, tante und onkel: was haben die von 1933-1945 gemacht ???) - aber alles möglichst "aus freien stücken" - aus ein-sicht und überzeugung und neugier.

eine verordnete trauer, eine verordnetes staatlich gelenktes pflichtgedenken führt sicherlich auch zum gegenteil - zum oberflächlichen "pflicht-besuch" - zum gedankenlosen "absolvieren", damit man vielleicht dann den notwendigen überprüfungsstempel im ausweis erhält - so wie wir früher vor dem konfirmandenunterricht per stempelkarte an gottesdiensten teilnehmen "mussten" - und ohne sinn und verstand texte auswendig lernten: es hat uns nicht geschadet - ich kann sie heute noch herbrabbeln - aber das hat uns auch nicht automatisch auf den "rechten lebensweg" und zum glauben geführt. 

ich finde auch - eine solche verpflichtung - eine art zwangsbetrauerung und zwangsgedenken - kratzt an diese für mich jedenfalls nicht nachvollziehbare "kunstaktion" neulich, dem unsäglichen herrn höcke ein paar betonstelen á la holocaust-stelenfeld in berlin in nachbars garten zu setzen: das ist vielleicht ein "gut gemeinter" gag - ist aber in wirklichkeit kontraproduktiv ...

da wird mit echten betroffenheitsgefühlen und betroffenheitssymbolen ein etwas zu billiger klamauk betrieben - aber das ist ja auch der alte streit: was darf kunst und satire  und karikatur und cartoon - und ab wann kippt die ganze aktion - und die an sich gute absicht "verbrennt" in peinlichkeit ...

ein regelmäßiger eventuell noch saisonaler gedenk-"tourismus" ("wir machen klassenfahrt") etwa nach polen - mit fete oder abend-schlürschluck in gemütlicher runde - oder in berlin mit dem rausch ausschlafen auf den betonstelen des holocaust-gedenkfeldes, weil man vielleicht die nacht vorher durchgetanzt hat in der disco - so etwas hat für mich auch etwas von blasphemie - und doch: jeder muss nach seiner facon selig werden dürfen, er darf dabei nur nicht die gefühle anderer verletzen - 

aber niemand sollte staatlich zwangsbeseelt werden - davor sei das grundgesetz, werte frau chebli - das sollten sie als staatssekretärin beachten ... - auch jedem schüler sollte die freiheit gegeben werden, sich von einem kz-gedenkstätten-besuch abzumelden - trotz "schulveranstaltungs-verpflichtung", um in der zeit begründet etwas anderes sinnvolles, für ihn angemesseneres, zu tun - wir brauchen keine "harten", wir brauchen angemessen sensible junge menschen: jeglicher zwang - und "du musst" - sind eher attribute an die zeit, die mit dem ns-regime einherging ("flink wie windhunde, zäh wie leder, hart wie kruppstahl" ...). 

es ist immer nur ein ganz schmaler grad, für diese ungeheuerlichkeiten in der nazi-zeit die persönlichen und gesellschaftlich akzeptierten angemessenen gefühle und die dazugehörende ethisch vertretbare gedenksymbolik zu entwickeln - das muss auch mit versuch und irrtum wachsen dürfen - aber sie sollten aus dem inneren des menschen aufsteigen - und man muss sie für sich auch wirklich wollen und "pflegen" - alles andere ist vergebliche liebesmüh ... 

und frau chebli sollte mit ihrer durch sie selbst in einem anderen zusammenhang bekanntgewordenen feinfühligen eigen-sensibilität ein gespür für ein dem gedenken an die ns-opfer angemesseneres "bürgerschaftliches engagement" finden - als ausgerechnet einen "pflicht"besuch in kz-gedenkstätten... 

das gedenken an die verbrechen des ns-regimes sind kein einfacher selbstbedienungsladen (etwa: "und dann haben wir auch noch auschwitz 'gemacht'...) und keine rabattmarken für wohlverhalten und wohlergehen in diesem unserem lande -S!